Gegenwartskultur und Kritische Theorie

 

 

In diesem Wintersemester veranstaltet der Arbeitskreis Kritische Theorie Frankfurt eine Vortragsreihe zur Gegenwartskultur. Die Vorträge sollen dazu beitragen, das Spannungsverhältnis von Emanzipation und Integration, in dem sich Kultur in der gegenwärtigen Gesellschaft verorten lässt, zu untersuchen. Sie sollen zu einer Neuverhandlung der gesellschaftlichen Bedeutung von (Populär-)kultur aus der Perspektive einer Kritischen Theorie der Gesellschaft beitragen.

 

 

20.10.14: Andreas Wiebel Kann Kunst heute noch Kritik?

05.11.14: Eric Bauer Zum Erkenntnisgehalt Freier Musik

12.11.14: Roger Behrens Spektakel, Nihilismus, Dschungelcamp, Gegenwartskunst, Selfies, Ende.

19.11.14: Jonas Engelmann Luftmenschen in Odessa – Joann Sfars jüdische Comicbildwelten

03.12.14: Max Pichl I got the shotgun - Recht und Popkultur

10.12.14: Marlon Lieber Neoliberalismus als ästhetisches Problem

14.01.15: Felix Riedel Gaming theory? Kritische Reflexionspotentiale in Games

22.01.15: Susanne Martin und Christine Resch Kulturindustrie und Sozialwissenschaften

28.01.15: Melanie Schreiber Widerspenstigkeit in der Kulturindustrie

04.02.15: Heinz Drügh Supergeil - Ästhetik des Supermarkts

11.02.15: Arbeitskreis Kritische Theorie Workshopabend Gegenwartskultur

 
 

Die Aufzeichnungen zu den Vorträgen finden sich auf der Seite Vortragsaufzeichnungen.

Mo, 20.10.2014 Kann Kunst heute noch Kritik? Adornos Ästhetische Theorie und die Herausforderungen ihrer erneuten Lektüre

von Andreas Wiebel

 

18 Uhr, Casino 1.811, IG-Farben-Campus

 
„Kunst ist die gesellschaftliche Antithesis zur Gesellschaft“; so steht es in Adornos Spätwerk an verschiedenen Stellen geschrieben. Weil Kunstwerke, die gelungenen, sich gegen Konsum und Identitätszwang sträuben. Deshalb ist die Kunst für Adorno der Zufluchtsort für das beschädigte Leben und der Leitfaden einer emanzipierten Gesellschaft. 
Was ist von einem solch emphatischen Kunstbegriff übrig geblieben? In Zeiten, in denen noch das billigste Produkt und die banalste Veranstaltung bis ins letzte Detail durchdesignt und sinnlich aufbereitet sind? In denen Kunst zu einem der profitträchtigsten Marktplätzen des Kapitals geworden ist und die meisten Menschen trotzdem nicht wissen, was ´die Schmiererei` bedeutet?
Eine Reflexion tut not. Auch, weil die Ästhetische Theorie sehr viel mit zwei Begriffen zu tun hat, um die es heute schlecht bestellt ist: Geschichte und Wahrheit. 
Nebst  einem kurzen Abriss der wichtigsten Stationen der Ästhetik (Kant, Hegel und was danach kam) beschäftigt sich der Vortrag mit den zentralen  Kategorien, anhand derer Adorno Kunst analysiert hat und fragt nach deren Relevanz für die aktuelle Debatte: Gibt es noch avantgardistische Kunstproduktion, wie steht es um den Werkbegriff, und ist die Autonomie der Kunst zu verteidigen?

Mi, 05.11.2014 Zum Erkenntnisgehalt Freier Musik oder: Machine Gun

von Eric Bauer

 

18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus

 
Der Vortrag wird sich der Frage widmen, inwieweit Freie Musik (auch: Free Jazz), ähnlich der Neuen Musik, Möglichkeit zur Erkenntnis bietet. Dazu wird zunächst eine knappe Einführung in den Jazz im Allgemeinen, bzw. den Free Jazz im Besonderen, gegeben - mit einem Fokus auf die sozialen und politischen Aspekte in Deutschland, welche zu einer anderen  Herangehensweise an die Musik und auch an die Beantwortung der Frage,  wie mit der schlechten Wirklichkeit umzugehen sei, geführt haben: Während dies in Amerika v.a. mit Spiritualität versucht wurde, war in Deutschland vornehmlich das Ziel, die Missstände in der Musik  zuzuspitzen, den Zuhörer damit zu konfrontieren. 
Um einen Eindruck zu gewinnen, werden Hörbeispiele vorgeführt (u.a. Peter Brötzmann). Unter  Einbezug der Jazzkritiken Theodor W. Adornos und seiner Philosophie der  Neuen Musik wird sich dem zerütteten Kunstwerk genähert und überprüft, wie die Überlegungen Adornos den Gegenstand der Freien Musik treffen können. Es sind keine musiktheoretischen Kenntnisse von Nöten.

Mi, 12.11.2014 Spektakel, Nihilismus, Dschungelcamp, Gegenwartskunst, Selfies, Ende - Thesen zur Kulturindustrie heute

von Roger Behrens

18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus

Eine These schon einmal gleich vorweg: Die kritische Theorie der  Kulturindustrie, die Adorno zusammen mit Horkheimer in der ›Dialektik der Aufklärung‹ unter Bedingungen der U.S.-amerikanischen  Massendemokratie und mit Blick auf diese entfaltet hat, ist keine Kulturkritik, sondern das, was kritische Theorie ohnehin ist: radikale Gesellschaftskritik. Radikal ist im Sinne des berühmten Marxwortes vom An-die-Wurzel-Gehen, was der Mensch für den Menschen selbst sei, weshalb Kritik ad hominem zu demonstrieren habe. 
Um den Menschen geht es auch in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen und Phänomenen der Kulturindustrie: Die Gesellschaftskritik ist eine Kritik falscher Vergesellschaftung; die »Aufklärung als Massenbetrug« ist Herrschaft über das Subjekt, die es der Möglichkeit der Subjektivität beraubt. Das Glück bleibt ein Versprechen, zudem ein Versprechen eines falschen Glücks. – Was Adorno in den vierziger Jahren vor allem am   Hollywood-Kino und Rundfunk exemplifiziert, verdichtet sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum System, das den Rahmen der so genannten Massenkultur längst überschritten hat: Ab den fünfziger Jahren hebt sich die Kulturindustrie in Pop auf. Weitreichende  Entwicklungen  erfährt dieses System sowohl durch die sich bahnbrechende  Krisenlogik des Kapitalismus (die sich ideologisch im Neoliberalismus manifestiert),  als auch durch die umfassende Technifizierung des Alltags und die damit einhergehende Ausdifferenzierung von Lifestyles; die Popkulturindustrie gerinnt zu einem kulturellen Komplex, der lapidar unter Schlagworte wie  »Medien«, »Internet«, »Kreativität«,  »Event« etc. subsumiert wird. Zu Recht haben Seeßlen und Metz solche Spektakel verächtlich als  »Blödmaschinen« karikiert. Doch die Blödmaschinen sind schlau genug, auch noch diese Kritik – wie sowieso jede Kritik, selbstredend auch die mit dem Theorem Kulturindustrie  bezeichnete – zu integrieren, einzubauen in das allgemeine Programm von Leistung, Verzicht und Anpassung. Dazu  bietet der Vortrag ein paar exkursorische Thesen zur Diskussion.

Mi, 19.11.2014 Luftmenschen in Odessa – Joann Sfars jüdische Comicbildwelten

von Jonas Engelmann

 

18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus

 

„Wenn ich heute Klezmer zeichne, dann zweifellos aus dem Grund, dass ich nach Auschwitz geboren wurde, und dass ich mit dieser beunruhigenden Vorstellung  aufgewachsen bin: die humanistischen Ideale und die republikanischen Utopien sind  jederzeit widerrufbar“, schreibt Joann Sfar über seine Comic-Reihe Klezmer, die vom alltäglichen Antisemitismus in Osteuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt, der die spätere Vernichtung mit vorbereitet hat, von der Entstehung des Zionismus im zaristischen Russland, von Verfolgung und Unterdrückung der Juden und Roma, der Bedeutung von Musik damals wie heute und der zentralen Stellung der  Stadt Odessa für die Geschichte des europäischen Judentums.
Die jüdischen Protagonisten in Klezmer  sind auf der Suche nach einem utopischen Ort, an dem sie frei von identitären Zuschreibungen und Projektionen, von Stereotypen und antisemitischen Anfeindungen leben können. Sfar lässt jüdische Lebenswelten auferstehen, die jedoch immer von einer Trauer darüber durchzogen sind, dass diese Welten nur noch hier, als Bildwelten, und niemals mehr in der Realität vorhanden sind. Sfars Comics sind die Feier einer untergegangenen jüdischen Lebenswelt und gleichzeitig die Aufforderung, sich auch in der Gegenwart die Wirkung ausgrenzender Zuschreibungen und einengender Stereotypisierungen bewusst zu machen und vor ihnen davon zu schweben – wurzellos und zum Luftmenschen zu werden.

Mi, 03.12.2014 I got the shotgun - Recht und Popkultur

von Max Pichl

 

18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus

 

Recht und Gerechtigkeit sind zentrale Motive der Film- und Seriengeschichte. Das Recht taucht explizit auf, zum Beispiel in modernen Anwaltserien und dem Courtroom-Drama, aber auch implizit durch seine spezifische Abwesenheit. Die wissenschaftliche Rezeption von popkulturellen Darstellungen des Rechts setzt fast ausschließlich daran an, einzelne   Aspekte in Film und Fernsehen zu interpretieren und auf ihren  emanzipatorischen oder regressiven Gehalt hin zu untersuchen. Dadurch versperrt sich eine metattheoretische Auseinandersetzung mit der Darstellung des Rechts. Warum ist das Recht ein zentrales Moment der Popkultur? Wie wird das Recht dargestellt und warum wird es oft nicht   dargestellt? Ergibt sich diese Darstellung aus einem unbewältigten Unbehagen mit dem Recht? Ausgehend von einer Kritik des Rechts sowie einer ästhetischen Betrachtung wird versucht, dieses Unbehagen zu  artikulieren. Beispielhaft wird dies an der US-Serie The Wire erläutert, in der das Recht scheinbar keine größere Rolle spielt.

Mi, 10.12.2014 Neoliberalismus als ästhetisches Problem - Motive kritischer Ästhetik in Walter Benn Michaels’ Fotografietheorie

von Marlon Lieber


18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus


In einem 2011 veröffentlichten Aufsatz kritisiert der Literaturwissenschaftler Walter Benn Michaels die „neoliberale  Ästhetik“. Diese geht von einem Primat des betrachtenden Subjekts und einer Umkehrung von „hierarchies of vision“ aus. Michaels zufolge ist diese Position kompatibel mit dem Gedanken, dass es ausreiche, allen Subjekten den Zugang zum Marktgeschehen zu ermöglichen. Dies laufe aber darauf hinaus, alle weiterbestehenden Ungleichheiten zu rechtfertigen.  Damit geht, nach Michaels, der Blick dafür verloren, dass eine andere Form der Ungleichheit, nämlich die auf dem Antagonismus von Kapital und  Arbeit beruhende, gerade nicht von einer Umkehrung der Sichtweise abgeschafft werden kann. Parallel dazu verteidigt Michaels das autonome Kunstwerk, dessen Bedeutung ebenso nicht davon abhängt, wie die Betrachterin es wahrnimmt. Diese Thesen sollen daraufhin geprüft werden, wie in ihnen Motive der von Kant bis Adorno reichenden ästhetischen Tradition aufgegriffen werden.

Mi, 14.01.2015 Gaming theory? Kritische Reflexionspotentiale in Games

von Felix Riedel


18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus

 

Während Abmischungen existierender Medien durch das Internet als Hybriden von Radio und Fernsehen von Adorno/Horkheimer vorausgesagt wurden, bleiben Computerspiele die einzige Kulturware, die von der Kritischen Theorie technologisch noch nicht erfasst werden konnte. Interaktion mit den Medieninhalten ist, anders als bei Radio und Fernsehen, der Form nach möglich. Die im Vergleich zu erstarrten Filmmonopolen immer noch sehr dynamischen Produktionsweisen von Spielen lassen mitunter devianten und radikalen Inhalten Raum. Ästhetisierten nietzscheanischen Dystopien und „tiefen“, gebrochenen Charakterbiographien stehen flach kalkulierte Spiele gegenüber, in denen die Spielhandlung hinter die ritualisierte Spielaktion zurücktritt. Doch auch und gerade im Minimalismus der Flashgames sind ästhetische und emotional reflexive Melancholien und stilistische Neuschöpfungen möglich.
Der Vortrag soll den wesentlichen Unterschieden nachgehen, die skeptischen Optimismus über Reflexionspotentiale und Intellektualität in bestimmten Spielen erlauben und an anderen Kulturwaren im Spielgenre retrograde Elemente bestimmen. Jenseits des Optimismus bleiben auch die interaktiven Kulturwaren in einem Zirkel von nichtstofflicher Sucht, ästhetischem Verschleiß und kulturindustrieller Neutralisierung von Kritik durch Spartenbildung gefangen.

Do, 22.01.2015 Kulturindustrie und Sozialwissenschaften

von Susanne Martin und Christine Resch


18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus

 

„Kulturindustrie  und Sozialwissenschaften“ mag für manche eine befremdende Verbindung  von zwei nicht zusammengehörenden Bereichen darstellen. Kulturindustrie wird häufig mit „den Medien“ gleichgesetzt und dann von autonomer Kunst, häufig auch dem populärkulturellen underground und selbstverständlich von Wissenschaft unterschieden. Wir interpretieren Kulturindustrie dagegen als Theorie, die die waren- und verwaltungsförmigen Aspekte aller öffentlichen Kultur- und Wissensproduktion – darunter Wissenschaft – analysiert.
In diesem Vortrag wollen wir einige in den Sozialwissenschaften verbreitete Formen des Umgangs mit Kulturindustrie ausloten. Dabei liegt der Akzent sicher auf der zunehmenden Kulturindustrialisierung von Wissenschaft und deren Kritik. Doch auch den Widerständigkeiten (die Adorno kannte, auch wenn er sie nicht euphorisch betont hat) soll Platz eingeräumt werden. (Selbst-)reflexives Nachdenken darüber, dass und wie wir alle kulturindustriellen Mechanismen unterworfen werden, uns an solche anpassen oder sie abzuwehren versuchen, ist einer Aktualisierung der Theorie von Kulturindustrie jedenfalls vorausgesetzt.

Mi, 28.01.2015 Widerspenstigkeit in der Kulturindustrie - Lesarten populärer Kultur aus Perspektive der Cultural Studies

von Melanie Schreiber

 

18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus

 

Der Konsum und die Auseinandersetzung mit Film, Fernsehen, Musik, Social Media, Games etc. ist ein zentraler Bestandteil unseres Alltags. Das Vergnügen und die Lust, die das Gucken einer guten Fernsehserie oder der Besuch des Konzerts der Lieblingsband bereitet, wird meistens nicht einbezogen in die Versuche einer kritischen Theoretisierung von Popkultur. Stattdessen richtet sich die Kritik meist gegen die Produktionsbedingungen und die Warenförmigeit kultureller Produkte.

Wenn Medien und andere Formen von Kultur nur Instrumente der Verblendung sind, warum finden wir dann Gefallen daran? Determiniert die Produktion von Kultur als Ware die möglichen Bedeutungen popkultureller Produkte? Sind subversive Aneignungen von Popkultur möglich?

Um sich diesen Fragestellungen nähern zu können, werde ich in dem Vortrag eine Perspektive auf Popkultur entwickeln, die Popkultur als Teil einer widersprüchlichen, diversifizierten und somit teilweise offenen Kultur wahrnehmen kann. Den theoretischen Rahmen für meine Überlegungen bilden verschiedene Ansätze aus dem Feld der Cultural Studies, da diese ermöglichen, Populärkultur als Terrain gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse zu begreifen.

Mi, 04.02.2015 Supergeil - Ästhetik des Supermarkts

von Heinz Drügh

 

18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus


Supermärkte gelten als zentrale Metapher für kapitalistisches Wirtschaften, für  unmoralischen Überfluss und ökologisch bedenkliche Verschwendung. Der Vortrag geht Frage nach, wie sich die Künste mit diesem Phänomen auseinandersetzen und diskutiert, ob und inwiefern ein kritischer Umgang mit dem Konsum in Darstellungen des Supermarkts möglich ist. Den Ausgangspunkt bildet eine Lektüre von Friedrich Liechtensteins Edeka-Clip "Supergeil".

Mi, 11.02.2015 Workshopabend Gegenwartskultur

18 Uhr, NG 1.741a (Nebengebäude des IG-Farben-Hauses), IG-Farben-Campus

 

genauere Informationen folgen

 

 

"Kritische Theorie ist nicht irgendeine Forschungshypothese, die im herrschenden Betrieb ihren Nutzen erweist, sondern ein unablösbares Moment der historischen Anstrengung, eine Welt zu schaffen, die den Bedürfnissen und Kräften der Menschen genügt. Sie zielt nirgends bloß auf Vermehrung des Wissens als solchen ab, sondern auf die Emanzipation des Menschen aus versklavenden Verhältnissen.
Die Philosophie, die bei sich selbst, bei irgendeiner Wahrheit, Ruhe zu finden meint, hat daher mit kritischer Theorie nichts zu tun."

 

Max Horkheimer,

Philosophie und Kritische Theorie